Warum die Frage nach der Wahrheit technischer geworden ist – und dringender
Im Januar hat mir ein Sprachmodell die Geschichte meines eigenen Senders erzählt. Flüssig, in ganzen Sätzen, mit Jahreszahlen. Drei davon stimmten nicht, eine Person hatte es erfunden, und ein Ereignis war um vier Jahre verrutscht. Das Modell hat sich nicht geirrt, wie ein Mensch sich irrt. Es hat gerechnet, was am wahrscheinlichsten klingt.
Ich habe damals nachgesehen, weil ich es besser wusste. Der nächste, der dieselbe Frage stellt, weiß es nicht besser.
Zwanzig Jahre lang war Wahrheit eine Frage der Absicht
Wer in der Kommunikation gearbeitet hat, kannte die Versuchung: Man kann weglassen, glätten, den günstigen Ausschnitt wählen. Ethische Kommunikation hieß, das nicht zu tun. Sie war eine Frage der Haltung, und die Adressaten waren Menschen – Journalistinnen, Mitarbeiter, Kunden, die man täuschen konnte oder eben nicht.
Das gilt weiter. Es reicht nur nicht mehr.
Zwischen Ihre Organisation und ihre Öffentlichkeit hat sich eine Schicht geschoben, die niemand eingeladen hat. Menschen fragen nicht mehr Ihre Website. Sie fragen ein System, das Ihre Website irgendwann gelesen hat, dazu einen zehn Jahre alten Zeitungsartikel, ein falsch gepflegtes Branchenverzeichnis und einen Forumsbeitrag von jemandem, der Sie verwechselt. Daraus baut es eine Antwort, die überzeugend klingt, weil überzeugend klingen ihre einzige Aufgabe ist.
Sie können in dieser Antwort nicht lügen. Sie können nur abwesend sein – und dann füllt die Maschine die Lücke.
Der unangenehme Teil
Damit verschiebt sich, was Sorgfalt bedeutet. Bisher konnte man ehrlich sein, indem man nichts Falsches sagte. Das genügt nicht mehr, wenn das Falsche entsteht, ohne dass jemand es sagt.
Was jetzt dazukommt, ist unspektakulär und lästig: nachsehen, was über Sie im Umlauf ist. Widersprüche in den eigenen Quellen auflösen – die Jahreszahl auf der Über-uns-Seite gegen die im Geschäftsbericht, den Namen im Impressum gegen den im Handelsregister. Veraltetes abräumen statt es liegen zu lassen, weil es ja niemand mehr liest. Doch, es liest jemand. Er liest nur nicht wie ein Mensch.
Das ist keine Kommunikationsstrategie. Das ist Datenpflege. Und genau deshalb macht es fast niemand: Es sieht nach nichts aus, es lässt sich schlecht präsentieren, und es wird erst sichtbar, wenn es fehlt.
Und der Teil, der leichter geworden ist
Die gute Nachricht steckt in derselben Mechanik. Wer sauber dokumentiert, wird von diesen Systemen bevorzugt wiedergegeben. Nicht aus Tugend – sondern weil widerspruchsfreie, gut belegte, gepflegte Information für eine Maschine einfach besser rechenbar ist als vager Hochglanz.
Das ist zum ersten Mal seit langem ein Fall, in dem Ehrlichkeit einen messbaren technischen Vorteil hat. Wer schönfärbt, produziert Widersprüche zwischen dem, was er selbst schreibt, und dem, was andere über ihn schreiben. Widersprüche schwächen die Wiedergabe. Die Maschine bestraft die Lüge nicht aus Moral. Sie kommt mit ihr nur schlechter zurecht.
Ich finde das eine bemerkenswerte Wendung. Jahrelang war gute Kommunikation die teurere Variante. Jetzt ist sie streckenweise die effizientere.
Was das praktisch heißt
Fangen Sie nicht mit Strategie an. Fangen Sie mit dem Aufräumen an.
Fragen Sie drei verschiedene KI-Systeme, was sie über Ihre Organisation sagen. Notieren Sie, was falsch ist. Suchen Sie die Quelle jeder Falschaussage – meistens ist es Ihr eigenes, seit Jahren nicht angefasstes Material. Räumen Sie dort auf, wo Sie Zugriff haben. Sorgen Sie dafür, dass die Fakten, die Ihnen wichtig sind, an mindestens zwei unabhängigen Stellen gleichlautend stehen.
Das dauert einen Nachmittag und ist die unglamouröseste Aufgabe, die ich Ihnen anbieten kann.
Zurück zum Anfang
Das Sprachmodell, das mir im Januar die falsche Geschichte meines Senders erzählt hat, hat nicht gelogen. Es hat die Lücke gefüllt, die wir gelassen haben – weil ein Sender, der seinen Betrieb einstellt, sich nicht mehr um seine Datenpflege kümmert.
Ihre Organisation stellt den Betrieb hoffentlich nicht ein. Die Lücke lassen die meisten trotzdem.
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